A SINGULARITY LANDSCAPE, 2022

Überlegungen, wie die Zukunft aussehen könnte, scheinen drängender denn je. Denn auf der einen Seite bedeutete die kollektive Erfahrung der Pandemie auch die kollektive Erfahrung der absoluten Unmöglichkeit, etwas über die Zukunft zu wissen. Auf der anderen Seite gab es aber auch die Erfahrung, dass Zukunft abgesehen und gestaltet werden kann, denn das Wissen um die Möglichkeit von Pandemien war vorhanden. Ebenso vorhanden ist das Wissen über die zunehmende Erderwärmung, das Artensterben und fortwirkende koloniale Strukturen, die ebenso zerstörerisch wie rassistisch sind. Vor dem Hintergrund der gegenwärtigen globalen Klimakatastrophe, den fortwirkenden kapitalistischen Ausbeutungsdynamiken gegenüber Mensch, Land und Tier und anstehenden post-pandemischen Lebens- und Gesellschaftsentwürfen, gehen Ali Zedtwitz (Bild) und Jiré Emine Gözen (Text) in ihrer Arbeit „A Singularity Landscape“ zwei möglichen Strängen von Zukunftsentwürfen nach, die in den vergangenen Jahren wissenschaftlich, technisch und künstlerisch diskutiert wurden.

Der Strang „Singularity“ folgt der Vorstellung, dass der Mensch in Zukunft in seinen Technologien aufgehen wird und in ein Stadium des Posthumanismus eintritt, welches den Körper und alles Irdische hinter sich lässt. Der Strang „Landscape“ wiederum folgt der Denkfigur, dass es die fundamentale Dichotomie von Natur und Kultur zu überwinden gilt, um gleichberechtigte Gefährt:innenschaften mit nicht-menschlichen Akteur:innen und der Umwelt einzugehen und so zu einer Dezentrierung des Menschen zu gelangen. In beiden Entwürfen liegen Heilung und Untergang des Planeten nah beieinander.

Die Ausstellung materialisiert sich durch das Abrufen der QR-Codes im digitalen Raum und ist wie die Zukunft selbst zugleich nicht greifbar und doch präsent. Die gezeigten Polaroids wurden für die Ausstellung aus dem analogen Raum in die Virtualität übertragen: Eingescannt und in zahllose Pixel übersetzt, setzen sie sich dabei zu einem neuen Gebilde zusammen, in welches die Frage, ob es sich weiterhin um das gleiche Bild handelt oder nicht, konstitutiv eingeschrieben ist. Hier zeigt sich auch der Bezug zu den beiden in der Ausstellung verfolgten Erzählsträngen, die jeweils von der Frage begleitet werden, wie sich der Mensch und sein Bewusstsein durch Technologie und Ideologie zukünftig verändern werden.

Je nachdem, welcher der beiden QR-Codes eingescannt wird, präsentiert sich einer der beiden Zukunftsentwürfe, denen „A Singularity Landscape“ nachgeht. Idealerweise wird die Ausstellung gemeinsam in Form eines Diptychons durch zwei nebeneinander gelegte Mobiltelefon, die jeweils einen der Erzählstränge aufgerufen haben, betrachtet. Die Grenzen und die Übergänge, die sich mit zwei Displays zeigen, sind dabei als eine Entsprechung für die Grenzen zu verstehen, die in den beiden Zukunftsentwürfen verschoben, überschritten, angeglichen und aufgelöst werden.

Jiré Emine Gözen, 2022

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